Freitag, 16. November 2012

The Autonomy Myth

Oh Mann. Da kaufe ich mir extra ein Buch, um theoretische Hintergründe zu erfahren zum Thema Abhängigkeiten von Menschen untereinander und der Verherrlichung der Autonomie und sich schlecht fühlen, wenn man von anderen abhängig ist. (Martha Albertson Fineman - The autonomy myth)

Und finde nach vielen mühsamen Seiten sehr amerikanischer Rechtsbeispiele heraus, dass es keiner  treffender als Raul von Krauthausen gesagt hat: "Wir sind alle behindert - irgendwann". Manche später und nur für kurze Zeit, andere länger. Aber prinzipiell ist der Zustand des Gesund- und Fitseins, in dem wir mit ganz wenig Hilfe und Zusammenarbeit von außen auskommen, sehr prekär, nicht selbstverständlich und üblicherweise nicht das ganze Leben andauernd ist.

Manchen ist das bewusster. Menschen mit Behinderungen, Müttern, die gerade entbunden haben, pflegebedürftigen alten Menschen. Vielleicht auch Frauen im fruchtbaren Alter, denen jeden Monat bewusst wird, dass ihr Körper Dinge tut, die sie nicht beeinflussen können, die aber Rückwirkungen auf sie haben und sie vielleicht einschränken. Ich weiß, das entspricht nicht der herrschenden Lehre und Tampon-Werbung, aber mal ehrlich, wie viele Frauen kämpfen damit.

Aber wer gesund und fit ist, der meint oft, der Körper ist mehr so was wie eine Maschine. Bisschen Wartung, Sport, Disziplin, dann läuft das - und bei wem das nicht so läuft, der ist wohl zu faul und undiszipliniert - das hört man unterschwellig mit.Oder das ist die Botschaft der Personalabteilung. Da kann man seine Energie und Zeit voll und ganz in den Beruf stecken. Und wer das nicht kann, weil er sich um von ihm Abhängige (Kindern, behinderte oder pflegebedürftige Angehörige) kümmert oder selbst nicht dem 100% Fitheitsanspruch genügt - der ist irgendwie selber schuld. Auf den kann man keine Rücksicht nehmen. Kann man nicht? Sollte man nicht?

Kommt drauf an, in was für einer Gesellschaft man leben möchte. Wer sich um diejenigen kümmern soll, die definitiv bekümmert werden müssen. Die Kinder, Alten, Pflegebedürftigen, Behinderten. Und ob das nicht jeder in gewissem Maße tun sollte - allein aus Selbstschutz, weil es jeden jederzeit betreffen könnte. Auch wenn man sich das im Augenblick nicht vorstellen kann.

Hier noch ein Artikel, der das Thema weiter beleuchtet: Ist man behindert oder wird man behindert von der Gesellschaft - und welches Menschenbild steckt hinter dem Schwerpunkt, der gesetzt wird: http://www.xojane.com/issues/i-am-not-a-person-with-a-disability-i-am-a-disabled-person




Kommentare:

  1. ...und noch ein Buch, das genau diesen Gedanken zum Thema hat: "Dependent Rational Animals" des amerikanischen Moralphilosophen Alasdair MacIntyre, der schreibt: "(...) there is a scale of disability on which we all find ourselves. Disability is a matter of more or less, both in respect of degree of disability and in respect of the time periods in which we are disabled. And at different periods of our lives we find ourselves, often unpredictably, at very different points on that scale."

    Seine Kritik richtet sich gegen die Tendenz der Moralphilosophie, den intakten, handlungsfähigen Menschen ins Zentrum zu stellen und das Phänomen menschlicher Behinderung (Eingeschränktheit, Abhängigkeit, Angewiesenheit) als Randerscheinung zu behandeln. Die Tatsache aber, dass es (wie Du schreibst) "jeden jederzeit betreffen könnte", hat für ihn dagegen zur angemessenen Konsequenz, genau diesen Aspekt unseres Daseins in Zentrum unserer Ethiken zu stellen. 'Kerntugend', auf der alle anderen guten Haltungen aufruhen, ist dann "the virtue of acknowledging dependence" - m.a.W.: das Erste, was wir tun müssen, um ein gutes Leben führen zu können ist schlicht und ergreifend anzuerkennen, dass wir abhängige Wesen sind.

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